100 Jahre MCH Group in einem Buch: Interview mit Historiker Patrick Kury

Publiziert am 03.03.2016 von Christoph Spangenberg
Überraschende Geschichten und eindrucksvolle Fotos: Zum diesjährigen Jubiläum der MCH Group wurde am 2. März 2016 der Band "Im Takt der Zeit. Von der Schweizer Mustermesse zur MCH Group" veröffentlicht. Neun Autorenbeiträge und acht Bilderstrecken erzählen die Geschichte von der ersten Schweizer Mustermesse im Jahr 1917 bis heute. Im Interview spricht Herausgeber und Historiker Patrick Kury über die Arbeit am  Buch, den Bilderschatz der Messen und einen schicksalhaften Brand im Jahr 1923.

Patrick Kury Schweizer Mustermesse MCH Group

Herr Kury, Sie und ihre Mitherausgeberin Esther Baur vom Staatsarchiv Basel haben sich für das Buch intensiv mit der Geschichte der Schweizer Mustermesse bis hin zur MCH Group der Gegenwart beschäftigt. Was hat Sie beeindruckt, was überrascht?

Am meisten beeindruckt hat mich ganz klar die Entwicklung des Unternehmens als Ganzes: Wie eine in der Not geboren Idee ein Messeunternehmen hervorbrachte, das im Laufe von 100 Jahren in der Schweiz völlig neue Standards setzte und schliesslich zu einem erfolgreichen Player im internationalen Messegeschäft aufstieg. Dabei hat sich die Messe immer wieder neu erfunden. Über den ganzen Zeitraum gesehen sind weiter das Zusammenwirken von MCH Group, der Stadt und ihrer Gesellschaft eindrücklich. Ohne dieses Zusammengehen hätte es keine Mustermesse gegeben und die Messen der MCH Group besässen nicht ihren besonderen Reiz und Charme als Messen in der Stadt.

Überrascht hat mich andererseits, wie lange einzelne Ausstellergruppen versucht haben, die Internationalisierung der Messe zu verhindern oder zumindest hinaus zu zögern.

Wie kam es zu dem Buch-Projekt und wie verlief die Zusammenarbeit?

Den Ausgangspunkt bildeten im Jahr 2010 Überlegungen der Unternehmensleitung, das historische Erbe der Schweizer Mustermesse zu sichern. In einem gemeinsamen Projekt vereinbarten MCH Group und Staatsarchiv, die Bestände zu ordnen und bis zum Zusammenschluss mit der Messe Zürich 2001 ins Staatsarchiv zu überführen. Nach Abschluss dieser Arbeiten trieben Christoph Lanz von der MCH Group und Esther Baur vom Staatsarchiv die Idee voran, im Hinblick auf das 100 Jahre Jubiläum eine Publikation zu lancieren. Schliesslich fragten sie mich an, ob ich ein Grobkonzept erarbeiten könne, was ich sehr gerne tat.

Das Grobkonzept haben wir dann Schritt für Schritt weiter entwickelt  - später auch gemeinsam mit Daniel Hagmann vom Staatsarchiv und dem CMS Verlag. MCH Group und Staatsarchiv schufen ideale Voraussetzungen für eine historische Aufarbeitung. Beispielhaft verlief auch die Zusammenarbeit, vorerst mit Christoph Lanz, dann zusätzlich mit Matthias Lagger, der sich persönlich stark für das Buch engagierte und uns viele Türen öffnete. Auch die Zusammenarbeit mit allen weiteren involvierten Personen verlief in einem produktiven Dialog.        

Wie verlief die Auswahl der einzelnen Themen?

Mit dem Buch wollen wir ein breites Publikum ansprechen. Einerseits bietet der Band einen Überblick über die Gesamtentwicklung sowie über die wichtigsten Messen und Aspekte der Gegenwart. Anderseits werden einzelne ungewöhnliche und überraschende Episoden der Messegeschichte in kürzeren Beiträgen hervorgehoben, wie etwa die Beteiligung der Messe an früheren Weltausstellungen. Dabei haben wir eine Auswahl vornehmen müssen und uns bewusst von einem enzyklopädischen Anspruch verabschiedet. Aufgrund dieser Vorgaben haben wir Themen abgesteckt und entsprechend Autorinnen und Autoren gesucht. Dabei war es uns ein Anliegen, dass neben  international und national ausgewiesenen Experten auch Nachwuchsautoren zu Wort kommen.  

Zu den Höhepunkten des Buchs zählen die vielen historischen Fotografien seit 1917, anhand derer man die Entwicklung eindrucksvoll nachvollziehen kann.

Ja, die MCH Group verfügt über einen wahren Bilderschatz von rund einer viertel Million Aufnahmen. Uns war zwar der Umfang bewusst, doch waren wir von der Qualität überrascht.  Die Fotos, die grossteils im Staatsarchiv aufbewahrt werden und teilweise digitalisiert sind, stammen häufig von namhaften Fotografinnen und Fotografen und bilden einen Teil des visuellen Gedächtnisses der Schweiz. Sie illustrieren einerseits  die Entwicklung des modernen Messewesens in der Schweiz, andererseits dokumentieren sie das Werden des Industriestandortes Schweiz: von der helvetischen Leistungsschau technischer Erzeugnisse der Zwischenkriegszeit bis hin zu High-Tech-Produkten und Luxusartikeln der Gegenwart, von der Herausbildung der Konsumgesellschaft im Zeitalter der Hochkonjunktur nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Erlebnisökonomie der Gegenwart.
Aufgrund der herausragenden Bildquellen haben wir versucht, Geschichten in Text und Bild gleichwertig nebeneinander zu erzählen. Dies ist eine der Besonderheiten des Buches.

In den 1920er Jahren haben manche Basler die Messeleitung für Brandstifter gehalten. Was war da los?

Ja, dies ist so eine dieser Episoden. Am Bettag 1923 brach in den Messehallen ein Feuer aus. Die Freiwilligen des Vereins der Angestellten der Mustermesse sowie die wenig später eintreffende Feuerwehr mussten sich darauf beschränken, die nicht aus Holz gefertigte Halle 5 zu schützen. Die übrigen provisorischen Holzhallen brannten in nicht einmal einer Stunde alle vollständig nieder. Verletzt wurde glücklicherweise niemand.

Der Messe konnte kein Verschulden oder Versäumnis nachgewiesen werden. Zugleich hielt sich das Gerücht der Brandstiftung hartnäckig. Dies deshalb, weil der Brand in eine Phase fiel, in der die Messeleitung umfassende Neubauten plante und noch am gleichen Tag den sofortigen Wiederaufbau ankündigte. Auch der damalige Direktor der Mustermesse, Wilhelm Meile, hielt später in seinen Erinnerungen fest, dass er an der Fasnacht 1924 wiederholt zu hören bekommen habe, dass er doch der eigentliche Brandstifter gewesen sei. Innert kurzer Zeit sind dann in den folgenden Jahren die Neubauten realisiert worden. Diese kurze Bauphase sollte zu einem Markenzeichen der Messebauten werden.  

Basel ohne "die Messe" ist kaum vorstellbar. Welche Bedeutung haben die Mustermesse, aber auch die aus ihr entstandenen Marken und Unternehmen für Basel?

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass die Messetradition Basels, obwohl sie bis ins späte Mittelalter zurückreicht, vor der Gründung der Mustermesse überschätzt wird. Die entscheidenden Impulse gingen klar von der Schweizer Mustermesse aus. Die grosse Bedeutung des Messeunternehmens liegt in der ökonomischen Wertschöpfung für die gesamte Region und im Städte-Marketing. Seit rund 60 Jahren besuchen rund eine Million Besucher pro Jahr die Messen in Basel und an anderen Standorten und tausende von Ausstellern sind auf Dienste von Gewerbe und Dienstleistungsbetreiben angewiesen. So profitieren Hotellerie, Restaurant und Gewerbe sowie der Fiskus unmittelbar vom Messebetrieb.
Für die Stadt sind die grossen internationalen Messen Baselword und Art Basel neben dem FC Basel die wohl bedeutendsten Botschafter, die die Stadt in der ganzen Welt bekannt machen. Alleine während der Baselword berichten mehr als 4'000 Journalisten von der Messe.        

Und für die Schweizer Wirtschaft?

In der Vergangenheit war die Mustermesse die wichtigste jährliche Leistungsschau von Industrie und Gewerbe, eine Art alljährliche "Landi". Seit den späten 1950er Jahren hat sich das Messewesen nach Branchen und Bedürfnissen stark ausdifferenziert. Aus einer Plattform sind zahlreiche Foren geworden. Heute bilden die wichtigsten Industriemessen wie Swissbau und Baselworld aber noch immer den Dreh- und Angelpunkt der jeweiligen Branchen. Aussteller und Besucher nutzen die Veranstaltungen zum Entdecken, zum Kennenlernen neuester Entwicklungen,  für Networking und für das Abschliessen von Geschäften. In modifizierter Form gilt dies selbstverständlich auch für Dienstleistungsmessen oder für die Art Basel.

Sie schreiben, dass sich das Unternehmen nicht nur als wirtschaftlicher Akteur, sondern auch als politisch Handelnder, als Faktor und Motor des ökonomischen, sozialen und kulturellen Wandels versteht.

Die MCH Group war und ist ein Unternehmen, das sich nicht abgeschottet dem Alltagsgeschäft und der Gewinnmaximierung widmen kann. Sie ist als Messe- und Eventorganisatorin direkt an der Gestaltung des kulturellen Lebens beteiligt. Sie verändert durch ihre Messebauten das Aussehen und den Charakter des Kleinbasels massiv, muss sich den daraus erwachsenen politischen Auseinandersetzungen stellen und positioniert sich darin klar. Sie ist somit Faktor und Produkt des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Wandels der Stadt und Region in einem.   

Aus Ihrer Sicht: Was waren die drei wichtigsten Meilensteine in der Geschichte der Mustermesse/MCH Group?

Neben der Gründungsphase, als die Macher eine völlig neue Form der Messe in der Schweiz lancierten, waren es der erwähnte Übergang von der Einheitsmesse zu Fachmessen, die internationale Öffnung und schliesslich die Behauptung im globalen Messemarkt als MCH Group, als Aktiengesellschaft, die an verschieden Standorten im In- und Ausland tätig ist. Bei all diesen Meilensteinen handelt es sich mehr um längere Prozesse als um ein einzelnes Ereignis.

Den Plakaten der Mustermesse ist ein eigenes Kapitel gewidmet. In Basel gibt es hierzu sogar zwei Ausstellungen. Was macht die Plakate so besonders?

Die Verknüpfung von Kunsthandwerk und Messepropaganda war bei der Schweizer Mustermesse über Jahrzehnte hinweg besonders eng. Dies mag damit zusammenhängen, dass der Erste Direktor der Mustermesse, Jules de Praetere zugleich Leiter der Gewerbeschule war. Die Plakate der Mustermesse fanden aufgrund ihrer hohen künstlerischen Qualität grosse internationale Anerkennung und wurden zu Stilikonen des helvetischen Plakatschaffens. Zugleich haben Gestalter im Auftrag der Messe serielle Quellen produziert, die helvetisches Arbeiten dokumentieren, lange bevor Swissness zu einem gängigen Begriff geworden ist.

Abschliessend interessiert uns natürlich: Was war ihr erster Kontakt mit der Mustermesse und welche Erinnerungen haben Sie da noch?

Der Gang an die Mustermesse gehörte bei uns in der Familie zum jährlichen Frühjahrsprogramm wie das Spargelessen. Wann ich zum ersten Mal an der Messe war, kann ich jedoch nicht mehr sagen. Es dürfte in den späten 1960er Jahren gewesen sein. In Erinnerung geblieben sind mir die Treppen der Rundhofhalle, die zum Spielen einluden und  müde Beine machten.

Sehr gut erinnern kann ich mich zudem an die Filmnachmittage, die für Kinder einmal pro Monat oder alle zwei Monate in einem der Festsäle der Mustermesse durchgeführt wurden. Zu einem Zeitpunkt, als nicht alle Haushalte über einen Fernseher verfügten, waren die Filmnachmittage kulturelle Höhepunkte für die Knirpse. Noch heute habe ich das Geschrei beim Öffnen der Türen und das Rattern des Projektors im Ohr.  

PD Dr. Patrick Kury lehrt Neuere allgemeine und Schweizer Geschichte an den Universitäten von Luzern und Bern. Zugleich verfolgt er verschiedene Public History Projekte. Zuletzt kuratierte er zusammen mit Dr. Thomas Buomberger und Dr. Roman Rossfeld die Ausstellung „14/18 – Die Schweiz und der Grosse Krieg“, die im Historischen Museum in Basel gezeigt wurde und seither in verschiedenen weiteren Schweizer Städten zu sehen ist.

"Im Takt der Zeit. Von der Schweizer Mustermesse zur MCH Group"
Patrick Kury, Esther Baur (Hg.)
Christoph Merian Verlag
Preis: CHF 59.-

Erhältlich ab 2. März 2016 u.a. bei:
Bider und Tanner AG
Am Bankenplatz, Aeschenvorstadt 2
4010 Basel
www.biderundtanner.ch
Im Online Shop des Christoph Merian Verlag

Zahlreiche Anekdoten und Bilder werden das ganze Jahr 2016 über auch auf der Jubiläumswebseite der MCH Group veröffentlicht: www.100jahrezukunft.ch

Christoph Spangenberg

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