Art Basel Parcours: "Kunstwerke an ungewöhnlichen Orten Basels antreffen"

Publiziert am 10.06.2017 von Christoph Spangenberg

22 ortsspezifische Kunstwerke im historischen Zentrum von Basel entdecken: Art Basel's Sektor Parcours zeigt vom 12. bis 18. Juni 2017 Arbeiten von Künstlern wie Ai Weiwei, Katinka Bock, Pedro Cabrita Reis und Amanda Ross-Ho an besonderen Orten rund um den Münsterplatz. Im Interview präsentiert Kurator Samuel Leuenberger die Highlights, verrät sein Vorgehen bei der Suche nach dem perfekten Ort für ein Kunstwerk und welche Orte er gerne mal bespielen würde. 

Samuel Leuenberger, Curator of Art Basel Parcours 2017 (MCH Group)

1. Für alle, die Parcours noch nicht kennen: Erklären Sie uns bitte kurz das Konzept dahinter.

Parcours ist eine wunderbare Art und Weise, Kunst im öffentlichen, aber auch im privaten Raum zu begegnen. Es ist eine skulpturen- und performancebasierende Ausstellung, die sich in der Altstadt von Basel verteilt präsentiert. Ziel ist es aus meiner Perspektive, ein speziell erarbeitetes Projekt mit dem idealen Partner, sprich dem perfekten Ausstellungsort, zu koppeln. Für die Besucher heisst es schlicht: Konstant überrascht werden und Werke an ungewöhnlichen Orten antreffen.

2. Dieses Jahr geht es um intime Erfahrungen der Künstler. Was erwartet uns da?

Es war mir wichtig, dieses Jahr eine Kette von 'kleineren', aber potenten Geschichten zu erzählen. Es geht um Geschichten und Beobachtungen, die sich manchmal so anfühlen, als würde jemand aus der Nähkiste plaudern, aus dem Tagebuch vorlesen. Politische, soziale oder manchmal einfach alltägliche Dinge werden aufgegriffen und portraitiert. Die Kosovarin Flaka Haliti zum Beispiel macht eine Installation im Innenhof des Basler Rathauses, der politischen aber auch touristischen Drehscheibe von Basel. Dort installiert sie 30 bis 40 freistehende Flaggen, eigentlich Werbebanner, die sich wie gesichtslose Figuren in einer Gruppe versammeln.

 "Ai Weiwei lädt ein zur Reflexion über die Beziehung zu Natur, Kultur, Geschichte und und selbst."

Auf dem Münsterplatz, im Zentrum von Parcours, steht eine monumentale Skulptur aus Metall des chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Die Arbeit geht zurück auf eine 2009 ins Leben gerufene Arbeitsgruppe, in der Ai Weiwei organische Holzfragmenten aus dem Gebirge in Jiangxi in Südchina gesammelt hat und daraus komplexe Baumkompositionen aus deren Wurzeln und Zweigen konstruiert hat. Die unbehandelte Oberfläche hat sich im Laufe der Zeit verändert und eine Patina mit einer noch stärkeren visuellen Dimension entwickelt. Mit dieser eindrucksvollen Arbeit schafft Ai Weiwei eine kontemplative Umgebung für den Betrachter und lädt zur Reflexion über dessen Beziehung zu Natur, Kultur, Geschichte und zu sich selbst ein.

3. Für Parcours beschäftigen Sie sich ortsspezifisch mit Vergangenheit und Gegenwart, deuten bekannte Orte neu. Wie gehen Sie bei der Arbeit für Parcours vor, was inspiriert Sie?

Wenn der Ort mal gesichert ist, also in diesem Fall der Münsterhügel und die Gegend rundherum, dann gibt es zwei Motivationsfaktoren. Zum einen habe ich eine Wunschliste von Künstlern und Projekten. Zum anderen habe ich Orte, die ich unbedingt wieder bespielen möchte und andere, die es noch zu entdecken gibt. Das macht Freude.

Wenn ich mal die ersten Projekte in direkter Kommunikation mit den Galerien oder Künstlern zusammen habe, dann entwickle ich wie eine Art Stimmungsbild: Welche Sensibilitäten möchte ich zusammen bringen? Welche Stimmen passen gut mit den nächsten zusammen? Welche Verbindungen können hier und dort geschaffen werden?

4. Bei welchen der diesjährigen Orte freut es Sie besonders, dass es geklappt hat und warum?

Raumspezifisch bin ich überglücklich, den Münstersaal bespielen zu dürfen und zwar mit einer Installation der in der Schweiz lebenden Marokkanerin Latifa Echakhch. Der Garten der Allgemeinen Lesegesellschaft, ein verwunschener Ort, wird durch die in New York lebende deutsche Künstlerin Lena Henke verwandelt. Es geht aber auch um die 'einfachen Orte', sprich: nur auf die Strassen gehen zu dürfen, wie zum Beispiel mit der Belgierin Sophie Nys, die die Brunnen im ganzen Areal annektiert. Oder die US-Amerikanerin Amanda Ross-Ho, die vergrösserte Schlüssel in der Stadt scheinbar verloren hat, die dann aber irgendwo auftauchen, zum Beispiel auf dem Gehsteig oder unten im Rhein im Wasser. Wichtig ist, das Quartier in all seinen Aspekten neu zu beleuchten.

5. Sie sprachen vom perfekten Ausstellungsort. Wann passt ein Kunstwerk zu einem Ort und funktioniert, wann nicht?

Es geht um aktive Dialoge, oder jedenfalls den Versuch, solch einen zu kreieren. Manchmal weiss man erst, wenn die Dinge vor Ort stehen, ob sie wirklich Hand und Fuss haben. Aber wenn Arbeit und Ort sich ergänzen und das eine Element nicht nur Bühne oder Dekoration für das andere sind, beginnt man, die Geschichten zu hören. Beide Elemente sind gleich wichtig. Wann funktioniert es nicht? Wenn man einfach eine fertige Skulptur irgendwo hinstellt, ohne sich auf den Kontext zu besinnen.

Parcours; Art Basel in Basel 2016 (MCH Group)
6. Höhepunkt ist erneut die Parcours Night am Samstagabend, ein spezielles Programm mit zahlreichen Live Performances in Locations rund um den Münsterplatz. 

Parcours Night ist aus zwei Gründen ein Highlight. Zum einen ist die Parcours Night ein öffentliches Event, das Samstagabend stattfindet. Alle Institutionen und Parcours-Orte sind von 18 bis 24 Uhr geöffnet. Ein spektakuläres Familienevent. Zum anderen habe ich die Freiheit, auch künstlerische Positionen fürs das Abendprogramm einzuladen, die nicht schon im Parcours von Galerien repräsentiert sind. Das heisst, wir können noch jüngeren Positionen eine Bühne geben, um sich zu präsentieren. Dieses Jahr werden wir eine Vielfalt von theatralischen und performativen Events geniessen können.

"Eine Woche lang auf eine kostenlose Entdeckungsreise gehen."

Highlights sind sicherlich unsere Kollaborationen mit dem Kunsthaus Baselland und dem Centre Culturel Suisse aus Paris, die unsere Gastpartner bilden. Zwei weitere Höhepunkte sind Than Hussein Clarks neue Theaterproduktion und Wu Tsangs Ensemble 'Moved by the Motion'. Das eine findet in der Ersten Kirche Christi statt, eine wunderschöne denkmalgeschützte Kirche von 1937 gleich hinter dem Kunstmuseum, und das andere in der Martinskirche, wo Tanz, Gesang und Narration verschmelzen. Letztlich und ganz wichtig: die ganze Plattform, Parcours und Parcours Night, ist für das Publikum kostenlos. Man kann alles sehen und geniessen, in Museen und Privathäuser spazieren und die ganze Woche lang auf eine Entdeckungsreise gehen.

7. Welchen Ort ausserhalb von Parcours würden Sie gerne mal bespielen?

Den Flughafen, vor und hinter den Kulissen. Oder den Novartis Campus. Stellen Sie sich das vor: Technologie, Innovation, spezielle Architektur und Kunst verbunden durch einen Parcours.

Samuel Leuenberger kuratiert Parcours seit 2016. Leuenberger ist Direktor und Kurator von SALTS in Birsfelden. Foto: Ethan Hayes-Chute. Fotos von Parcours 2017 folgen.

Parcours, 12. - 18. Juni 2017. Mehr Infos und alle Events der Art Basel in Basel 2017
Art Basel in Basel, 15. - 18. Juni 2017, www.artbasel.com

Christoph Spangenberg

Veröffentlicht unter:

Kommentar verfassen