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Art Basel-Chef Marc Spiegler: Seine Vision für die weltweit wichtigste Kunstmesse

Publiziert am 06.11.2017 von Christoph Spangenberg
Marc Spiegler, Art Basel Global Director (MCH Group)

Er hat die Art Basel entscheidend mitgeprägt: Seit zehn Jahren ist Marc Spiegler bei der Art Basel, seit 2012 deren Global Director. Im Interview spricht er über die Entwicklung der wichtigsten Kunstmesse und aktuelle Herausforderungen im Kunstmarkt. Er verrät, welche Rolle die Digitalisierung und Initiativen wie Art Basel Cities spielen und welche Vision er für Art Basel hat.

Marc, du bist jetzt schon zehn Jahre bei Art Basel dabei. Was findest du an deinem Job so spannend?

Die Welt der Kunst verändert sich ständig. Die Szene ist unglaublich international und es tun sich immer wieder neue Möglichkeiten auf. Dabei ständig am Ball zu bleiben ist zwar nicht immer einfach, andererseits liebe ich genau diese Dynamik. Ausserdem freue ich mich über das internationale Team, das wir aufgebaut haben. Es treffen dort unheimlich viele kluge, engagierte Menschen aus der ganzen Welt zusammen. Sie alle bringen einen grossen Erfahrungsschatz mit, der unseren Kunden zugutekommt.

Wie hat sich die Art Basel in den letzten zehn Jahren verändert? Und inwiefern hat das deine Arbeit beeinflusst?

In meinen zehn Jahren bei der Art Basel hat sich in der Organisation extrem viel getan. Als ich anfing, gab es zwei Messen und keine wirkliche Online-Präsenz. Das Team bestand aus kaum zwanzig Mitarbeitern, die alle im zweiten Stock des Messeturms in Basel untergebracht waren. Jetzt umfasst unser Team fast neunzig Mitarbeiter in Basel, Hongkong und New York. Wir organisieren die wichtigste Kunstmesse auf drei Kontinenten und haben eine starke digitale Plattform. Die Anzahl der Menschen, die uns in den sozialen Medien folgen, übersteigt die Anzahl der Messebesucher aller drei Veranstaltungen um das Zehnfache. Neben den Messen betreiben wir eine Crowdfunding-Initiative, um gemeinnützige Organisationen zu unterstützen, und veröffentlichen den > The Art Market (Anmerk.: ein wichtiger Jahresbericht über den Kunstmarkt). Aktuell bin ich in Buenos Aires, wo wir gerade die ersten Aktivitäten im Rahmen der > Art Basel Cities auf den Weg gebracht haben, einer neuen Initiative zur Unterstützung der kulturellen Entwicklung von Städten.

Und wie steht es mit dem Kunstmarkt?

Im Kunstmarkt erleben wir gerade einen rasanten Wandel hin zu neuen Modellen. Man denke nur an die Rolle des Galeristen – in dem Bereich hat sich wahnsinnig viel getan. Auch die Digitalisierung hat unsere Branche stark beeinflusst. Es gibt zwar noch kein «Uber» oder «Airbnb» für Kunstgeschäfte oder den Kunstkonsum, aber ein grosser Anteil der Aufmerksamkeit, die uns im Vorfeld der Messe zuteilwird, lässt sich auf digitale Plattformen zurückführen. Dasselbe gilt für die Geschäfte, die nach der Messe abgewickelt werden. Dennoch bleibt das Kunst-Business eine Vertrauenssache; die persönliche Interaktion ist schlichtweg unersetzlich. Deswegen bleiben Messen und Biennalen so wichtig.

Eine weitere dramatische Veränderung besteht darin, dass wir heute – mehr als je zuvor – in einer wirklich globalen Kunstwelt leben. Die traditionelle Vorstellung vom Künstler, der seine Karriere zunächst in lokalen Galerien und Museen beginnt, ist inzwischen völlig überholt. Die jungen Sammler von heute konzentrieren sich längst nicht mehr nur auf ihren lokalen Markt, ihre Heimatregion oder sogar ihren Kontinent. Und diesen globalen Blick haben sie schon zu Beginn ihrer Sammlung. Die Künstler unterliegen also nicht länger den aktuellen Trends und Vorlieben der lokalen Kunstszene. 

Seit du bei der Art Basel bist, kam zu den Messen in Basel und Miami Beach eine dritte Messe in Hongkong hinzu. Parallel dazu hast du zahlreiche Initiativen auf den Weg gebracht, darunter Art Basel Cities, die BMW Art Journey, ein Crowdfunding-Projekt und «The Art Market 2017», ein Bericht, in dem der internationale Kunstmarkt unter die Lupe genommen wird. Worin besteht das Erfolgsrezept der Art Basel?

Projekten wie der > Crowdfunding-Initiative mit Kickstarter oder Art Basel Cities lagen sehr langfristige strategische Entscheidungen zugrunde. Der Fokus sollte auf eine breitere Kunstszene gelegt werden, nicht «nur» auf Kunstmessen und den Markt. Beim Crowdfunding waren wir der Meinung, dass die Art Basel das Ökosystem, in dem wir uns bewegen, stärker unterstützen sollte. So vergrössern wir unsere Reichweite von Galerien auf gemeinnützige Organisationen und sorgen für den Erhalt des Nährbodens, auf dem neue Entwicklungen gedeihen. Mit dieser Initiative, die in grossem Masse von unseren Social-Media-Kanälen getragen wird, erreichen wir ein viel breiteres und anderes Publikum als unsere traditionellen Messebesucher. Bis jetzt haben wir weltweit 64 Projekte gefördert und dafür insgesamt zwei Millionen US-Dollar gesammelt.

Die Initiative «Art Basel Cities» entstand, weil sich viele Städte eine Messe wie die Art Basel in ihrem eigenen Land wünschten. Auch wenn wir aktuell keine Möglichkeit für eine vierte Art Basel sehen, wollten wir die grossen Chancen nutzen, die eine anders gestaltete Zusammenarbeit mit diesen Städten bietet. Im Rahmen der neuen Initiative entwickeln wir gemeinsam Konzepte und Programme, mit denen die jeweilige Stadt ihre lokale Kunstszene fördern und sie stärker in den internationalen Fokus rücken kann. Insgesamt ist die Art Basel in den letzten zehn Jahren zu einer wirklich globalen Organisation gewachsen, die längst nicht mehr nur im Kunstmarkt aktiv ist, sondern allgemein in der Kunstszene präsent ist.

Die Initiative «Art Basel Cities» startet jetzt in Buenos Aires. Was können wir von Buenos Aires erwarten?

Mit Buenos Aires als erstem Standort entwickelt Art Basel Cities eine auf mehrere Jahre angelegte Initiative, um die zeitgenössische Kunstszene in Argentinien bekannter zu machen und allgemein zu stärken. Grundlage dafür ist die Kooperation mit dem gesamten Spektrum der bildenden Künste vor Ort. 

Die ersten langfristigen Projekte von Art Basel Cities sehen so aus: Im November 2017 starten wir in Buenos Aires und in den folgenden Monaten finden im Rahmen des «Art Basel Cities Exchange» auf der ganzen Welt Residenzprogramme für argentinische Künstler und Kunstschaffende statt, angefangen von Praktika über Residencies im kuratorischen Bereich bis hin zu Künstleraustauschen und Mentoring-Programmen. Zudem werden Strukturen geschaffen, die es Organisationen, Einzelpersonen und Institutionen ermöglichen sollen, für neue Projekte gezielte Unterstützung zu erhalten und die benötigten Ressourcen aufzubauen. Ausserdem werden wir die Crowdfunding-Plattform der Art Basel aktivieren, um auch gemeinnützige Organisationen in Buenos Aires zu unterstützen.

Um den Start der langfristigen Projekte des «Art Basel Cities Exchange» zu feiern und weitere Informationen zur Partnerschaft zu verbreiten, haben wir das Art Basel Cities House in Buenos Aires eingerichtet. Zwischen dem 2. und dem 5. November 2017 fanden in dem Haus verschiedene Gespräche, Workshops und andere Events statt. Im Laufe des Jahres wird es weitere Veranstaltungen in Kooperation mit lokalen Kulturpartnern geben. Ausserdem war in der Woche eine internationale Delegation aus Kunstfachleuten in Buenos Aires, um die lebendige lokale Kunstszene zu entdecken und erste Kontakte zu knüpfen.

Welche Rolle spielen Digitalisierung und soziale Medien für die Art Basel?

Wie bereits erwähnt, spielt die Digitalisierung eine immer wichtigere Rolle und gewinnt stetig an Präsenz. Das gilt ja nicht nur für die Welt der Kunst. Dadurch ändert sich die Art, wie wir unsere Veranstaltungen bewerben und darüber kommunizieren – und zu einem gewissen Grad auch, wie Kunst verkauft wird; ich hatte das vorhin ja schon mal angesprochen. Aber die Digitalisierung wirkt sich auch massiv auf die Kunstproduktion aus. Auf der einen Seite sind jetzt völlig neue Kunstformen möglich. Auf der anderen Seite führt die Digitalisierung dazu, dass der Hunger nach echten Erlebnissen in der echten Welt, im echten Leben, immer mehr Raum einnimmt. Wie die Künstler diesen Drahtseilakt zwischen analog und digital bewältigen werden, wird spannend zu beobachten sein.

Die Digitalisierung eröffnet zudem neue Kommunikationswege zwischen Galerien, Künstlern und Sammlern. Künstler aus aller Welt kooperieren mit Galerien aus aller Welt – und verkaufen ihre Werke an Sammler und Museen auf der ganzen Welt. Und das alles kommt dem künstlerischen Schaffen zugute. Manche reden oft von den «guten alten Zeiten» – in Wahrheit können heute mehr Künstler als je zuvor von ihrer Arbeit leben, und diese Entwicklung schreitet exponentiell voran. Ich finde das toll. 

Virtuelle und erweiterte Realität sind derzeit in aller Munde. Auf der diesjährigen Messe in Hongkong stellte die Art Basel zusammen mit Google Kunst in der virtuellen Realität vor. Welches Potenzial siehst du in diesen Techniken?

Die digitalen Arbeiten, die heute in den Ateliers – oft auch tatsächlich nur am Laptop – entstehen, deuten ganz klar auf einen Wandel hin: Die Grenzen zwischen «traditioneller Kunst» und «digitaler Kunst» werden aufgelöst. Diese jungen Künstler sind Digital Natives, die mit einem Breitband-Internetzugang aufgewachsen sind. Für sie war das Virtuelle nie weit weg vom Greifbaren in ihrem Leben. Es gibt mittlerweile Technologien, die es Künstlern ermöglichen, digitale Werke zu schaffen, ohne selbst programmieren zu müssen. Mithilfe der Tilt-Brush-Technologie etwa können Künstler am Google Cultural Institute in Echtzeit spektakuläre 3D-Formen schaffen, indem sie sich durch den Raum bewegen – wobei die Ergebnisse eher organisch als digital wirken. Und dann gibt es Künstler, die mit ihren Werken tief in den Programmcode eintauchen. Der Kanadier Jon Rafman wurde beispielsweise durch seine intensiven Arbeiten zur virtuellen Realität bekannt. Ich glaube, die virtuelle Realität ist erst der Anfang dessen, was wir in den kommenden Jahren erleben werden. 

Wie sieht deine Vision für die Art Basel aus? Welche Zukunftspläne gibt es? 

Wir werden sicher weiter nach Möglichkeiten suchen, um unsere Präsenz in der Kunstwelt auszubauen. Diese Möglichkeiten können kultureller, physikalischer, digitaler oder kommerzieller Natur sein – idealerweise kombinieren wir alle vier Aspekte! Bei der Umsetzung unserer Ideen werden wir uns nach wie vor eng am Markt orientieren und mit den wichtigen Akteuren ständig im Gespräch bleiben.

Die nächste Art Basel findet vom 7. bis 10. Dezember 2017 in Miami Beach statt. Infos und Tickets: www.artbasel.com/miami-beach

Das Interview wurde aus dem Englischen ins Französische übersetzt.
Christoph Spangenberg

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