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10 Jahre India Art Fair: Wie eine kleine Kunstmesse zum Dreh- und Angelpunkt von Südasiens Kulturszene wurde

Publiziert am 01.02.2018 von Christoph Spangenberg

Den Businessplan auf eine Papiertüte geschrieben, organisierte Neha Kirpal in nur vier Monaten die erste India Art Fair in Neu Delhi. Das war vor zehn Jahren. Seither ist die Kunstmesse zum Dreh- und Angelpunkt von Südasiens Kulturszene geworden und ganzjährig in der Kunstförderung aktiv. Zur Jubiläumsausgabe stiess Jagdip Jagpal als neue Messeleiterin dazu. Im Doppelinterview sprechen Kirpal und Jagpal über die Gründung und Entwicklung der Messe, die indische Kunstszene und natürlich die diesjährigen Highlights. Erstmals sind vom 9. bis 12. Februar internationale Top-Galerien dabei.

Herzlichen Glückwunsch zum zehnjährigen Jubiläum der India Art Fair! Was erwartet uns an der Jubiläumsausgabe?


Jagdip: 2018 ist ein Meilenstein für Indiens Kunstszene. Wir sind nicht die einzigen, die ein Jubiläum zu feiern haben: Die Gujral Foundation besteht sein nunmehr zehn, die internationale Künstlervereinigung KHOJ seit zwanzig und die DAG (Delhi Art Gallery) sogar schon seit fünfundzwanzig Jahren. Im Moment herrscht also eine ganz besondere Dynamik in der Szene – und wir hoffen, diese einfangen zu können. 
Die India Art Fair wird jedes Jahr für ein paar Tage zum Dreh- und Angelpunkt für Südasiens Kulturszene: von Galerien und Künstlern über private Stiftungen und Künstlerverbände hin zu Sammlern, Philanthropen, nationalen Einrichtungen und Kunstfestivals – alle wichtigen Akteure sind vertreten. Sie sollen auch 2018 im Mittelpunkt stehen. Da es sich aber um meine erste Messe handelt, ergreife ich die Gelegenheit und teste neue Ideen, experimentiere ein wenig, führe neue Programmpunkte ein und gebe der architektonischen Gestaltung der Messe einen neuen Anstrich. 

"Unsere Liste der teilnehmenden Galerien erregt international grosses Aufsehen"

Die Liste der ausstellenden Galerien ist dieses Jahr einzigartig. In der Vergangenheit haben wir von indischen Galerien äussert positive Rückmeldungen erhalten, und so begrüssen wir auch dieses Jahr Indiens bedeutendste Vertreter. Mit dabei sind Experimenter und DAG, aber auch Chatterjee & Lal, Chermould Prescott und Tarq. Diese Gästeliste erregt im Moment international grosses Aufsehen. Zum ersten Mal sind dieses Jahr auch internationale Blue-chip-Galerien aus Europa dabei. Unter ihnen befinden sich David Zwirner und Blain | Southern, die dem indischen Publikum Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern wie Yayoi Kusama, Yinka Shonibare und Kerry James Marshall vorstellen werden. 



Zu den Höhepunkten unseres neu überdachten Veranstaltungsprogramms gehören die Ausstellung von Hetain Patels aktuellem Werk «Don’t Look at the Finger», das letztes Jahr im Vereinigten Königreich Premiere feierte, eine Diskussionsrunde zum Thema «Sammeln in Indien», an der die einflussreichsten Namen Indiens teilnehmen werden und eine Einführung in das diesjährige Programm der Kochi-Muziris Biennale.
Darüber hinaus werden wir überlegen, was die India Art Fair für die berufliche Entwicklung von Einheimischen tun und welche Ausbildungsmöglichkeiten sie schaffen kann. Während der Messe werden wir am Montag ein neues professionelles Lernprogramm testen. Es enthält Gespräche von Branchenexperten zu Themen, die für die Kunst relevant sind, u. a. zu rechtlichen und steuerlichen Aspekten und der Erhaltung von Kunst.  

Neha, was hat dich 2008 dazu bewogen, eine Kunstmesse zu gründen? 

Nach meinem Studium in London kehrte ich überwältigt von der dortigen dynamischen Kunstszene nach Indien zurück. In Europa gab es tausende Galerien und hunderte Kunstmessen – ich konnte einfach nicht verstehen, warum wir in Indien nichts Vergleichbares vorzuweisen hatten. Es war ein ambitionierter Traum, aber ich wollte eine indische Kunstmesse von Weltklasse erschaffen. Und obwohl ich in der hiesigen Kunstszene absolut niemanden kannte, erstellte ich auf der Rückseite einer Papiertüte einen Businessplan für eine Kunstmesse. Das waren aber nur Details; vielmehr schaute ich auf all die künstlerischen Traditionen und das künstlerische Erbe unseres Landes und fragte mich, warum wir keine Plattform hatten, um all diese Pracht in andere Teile der Welt zu tragen – oder für den Anfang wenigstens in andere Teile unseres Landes. Ich hatte persönlich erfahren, dass Kunst und Kultur Teil des alltäglichen Lebens der Menschen sein kann, und ich wollte jungen Studenten, aufstrebenden Künstlern und etablierten Mitstreitern diese Möglichkeiten bieten.

Es war sehr schwierig in einem Markt, den wir kaum kannten, Fuss zu fassen. Wir waren ein sehr junges Team, und im Gegensatz zu heute waren auf der ersten Messe nur ein paar wenige Galerien aus Mumbai vertreten. Zudem stand die Unterstützung von Delhi auf wackligen Füssen und wir hatten lediglich vier Monate Zeit, alles auf die Beine zu stellen. Auch als wir Fortschritte verzeichnen konnten, wurde es nicht einfacher. Die Herausforderung bestand darin, den Kunstmarkt von Grund auf aufzubauen, dabei stets frisch und relevant zu bleiben und vor allem einen Weg zu finden, zukunftsfähig und für unsere Investoren und Teilnehmer rentabel zu sein. 

Wie war dann die erste India Art Fair? In den ersten Jahren hiess sie ja noch India Art Summit.

Neha: Wir gründeten die Messe 2008, also in dem Jahr, in dem die Lehman Brothers Insolvenz anmelden mussten. In einer Zeit, in der das wirtschaftliche Bewusstsein empfindlich verletzt worden war, begannen wir, ein neues Geschäft aufzubauen. Wir mussten dafür sorgen, dass die indische Kunstszene dies als einen Schritt in eine zukunftsorientierte Richtung ansah. Die India Art Summit war strategisch so positioniert, dass wir mit ihr testen konnten, ob auf dem Markt der Wunsch nach einer Plattform wie der unseren existierte. Weil Kunst damals nicht staatlich unterstützt wurde und keine organisierte Branche war, mussten wir als Start-up ein wackliges Gleichgewicht wahren: Zum einen mussten wir uns um die Vermarktung der Messe kümmern, zum anderen durften wir aber die Künstler, Kuratoren und anderen Liebhaber nicht verschrecken, denn viele von ihnen betrachten Kunst immer noch aus einer sehr puristischen Perspektive.

Als wir unseren Namen von «Summit» zu «Fair» änderten, taten wir dies, um uns im Kalender der weltweiten Kunstszene einen Platz zu sichern. Auf dem indischen Kunstmarkt hatten wir inzwischen eine gewisse Sicherheit erlangt und wollten nun aus einer integrativeren, partnerschaftlicheren und globaleren Perspektive heraus gesehen werden. Die Messe positionierte sich als südasiatische Messe, deren Inhalt und Programm sich durch Diversität auszeichnet. Diese Orientierung wurde sowohl in Indien als auch international gut aufgenommen. Auch wenn die Kunstbranche in Indien nach wie vor wenig organisiert ist, spielt die Messe eine zunehmend wichtige Rolle: Sie überbrückt diese Lücke und bietet eine verbindende Plattform für unterschiedliche Interessengemeinschaften und für ein heterogenes Publikum. 

Wie hat sich die India Art Fair in den letzten zehn Jahren verändert? Was sind die wichtigsten Veränderungen? Was waren deine persönlichen Höhepunkte?

Neha: Die Messe hat seit 2008 Unterstützer und Förderer gewonnen und hat sich nicht nur zu einer wichtigen Plattform für die Kunstszene, sondern auch zu einem Schmelztiegel entwickelt, in dem Design, Luxusgüter, Business, Zusammenarbeit und Bildung im Bereich der Kunst zusammentreffen. Die Ausstellungsfläche der Messe ist von 3000 m2 auf 20.000 m2 angewachsen und die Besucherzahl hat sich beinahe verzehnfacht; jeder bekannte Künstler Indiens und des Subkontinents war bereits an der Messe vertreten und Sammler und Museen aus über 35 Ländern haben in der Vergangenheit die Messe besucht. Die Messe konnte aber nicht nur Teilnehmer aus der Branche, sondern auch aus kunstfernen Bereichen gewinnen. Das Engagement und die Reichweite der India Art Fair erstreckt sich über weltweit 15 Länder, und in den letzten vier bis fünf Jahren konnte die Messe aktive Markenpartnerschaften sowohl mit wiederkehrenden globalen Unternehmen als auch mit indischen Konglomeraten eingehen. 

Am wichtigsten ist jedoch, dass die India Art Fair für die regionale und nationale Kulturlandschaft ein gefeierter Referenzpunkt geworden ist. Da der indische Markt nicht über allzu viele internationale Plattformen verfügt, wird die Messe von manchen auch als Stellvertreter für die Marke Indien als Ganzes wahrgenommen. Wir erhalten verstärkt Aufmerksamkeit von internationalen Gästen und bekannten globalen Besuchern, was unseren Tourismus in Schwung bringt und heimischen Marktteilnehmern globale Verbindungen ermöglicht. 

"Mit speziellen Aktionen wollen wir die Neugier von Schülern und Studenten wecken"

Ich persönlich wollte immer, dass die Leute einen Zugang zu Kunst haben. Ich wollte die Massen erreichen. Zwar konzentrierten wir uns darauf, eine Nachfrage zu entwickeln, die richtigen Inhalte zu liefern und die Aufmerksamkeit von Sammlern und Museen zu gewinnen. Daneben drängten wir aber auch an die Öffentlichkeit und behielten dabei immer ein Ziel im Auge: das gebildete indische Publikum von der Entfremdung zu befreien, die es gegenüber Kunst und neuen Kunstformen empfand. 

In den letzten Ausgaben der Messe haben wir Aktionen für Schüler und Studenten eingeführt, die deren Neugier schon in jungen Jahren wecken sollten. In einem Jahr drehte sich alles um die Kunst von Kindern; wir entwickelten Programme für besonders begabte Personen, veranstalteten Workshops und Gespräche über das Sammeln als eine Art, junge Käufer zu ermuntern und testeten ein Mentoring-Modell für aufstrebende Künstler. Die Gemeinschaft ist der Motor dieser Plattform – darauf lag immer mein Hauptaugenmerk. Ich persönlich wollte nicht nur die Türen für Zusammenarbeit und Teilnahme öffnen. Ich suchte nach einer Schirmherrschaft für unser Unternehmen und wollte zwischen öffentlichen und privaten Partnerschaften vermitteln. Über die Jahre habe ich versucht, all diese Aspekte in unsere Strategie einfliessen zu lassen und hatte stets die Messe als Aggregator und Katalysator für Indiens Kunstszene vor Augen.  


Jagdip, bevor du im August als Leiterin zur India Art Fair gekommen bist, hast du im Vereinigten Königreich, China und Südostasien gearbeitet. Kanntest du die India Art Fair da schon?

Ja, ich habe die Messe mehrere Male als Gast besucht und das Programm bewundert. Sie hat für die Kunstszene in Indien eine solide Grundlage gebaut und entscheidend dazu beigetragen, dass regionale Künstler verstärkt Aufmerksamkeit aus dem Ausland erhielten.

Was charakterisiert die Kunstszene in Indien und der Nachbarländer? Wie hat sich die Szene hier in den letzten Jahren verändert, und welche Rolle spielte dabei die India Art Fair?

Neha: In den letzten zehn Jahren hat die Region mit der Einführung grösserer neuer Initiativen im Bereich der zeitgenössischen Kunst – beispielsweise der Kochi-Muziris Biennale, der Colombo Art Biennale, der Lahore Biennale und der Dhaka Art Summit – eine kulturelle Explosion erlebt. In Verbindung damit war indische Kunst weltweit zunehmend erfolgreich. So gab es grössere Ausstellungen in prestigeträchtigen kulturellen Einrichtungen wie dem Guggenheim-Museum, dem Met Breuer, der Tate Modern und auf der Kunstbiennale in Venedig.

Mit dem dynamischen globalen Wachstum des südasiatischen Kunstmarktes und unterstützt durch die florierende indische Wirtschaft, gewann auch die India Art Fair in den letzten Jahren schnell an Gewicht und Bedeutung. Die Messe führte die zeitgenössische Kunstbranche in Indien mit der internationalen Gemeinschaft zusammen. Zum einen erhielt die indische Kunst allgemein verstärkt Aufmerksamkeit, zum anderen wuchs die Zahl der Sammler innerhalb des Landes. Im Rahmen ihrer letzten Ausgaben erlebte die India Art Fair ein unglaubliches Mass an öffentlichem Engagement für die Kunst – mehr als in den letzten zwei Jahrzehnten in Indien.

Viele indische und internationale Kunstgalerien nutzten die Messe zur Erschliessung eines Marktes und um sich dem Online-Handel zu öffnen. Die Messe ermöglichte umfangreiche Investitionen und schuf im Laufe der Jahre die Grundlage für ein florierendes Geschäft. Während wir das Wachstum in der Region vorantrieben, sorgten wir für einen besseren Zugang zu Kunst und unterstützten Aktionen innerhalb der Gemeinschaft, sodass sich sowohl neue Interessenten als auch etablierte Kunstliebhaber mit Kunst befassen und am Kunstgeschehen teilhaben konnten. Die Messe bahnte erfolgreich Interaktionswege und -kanäle sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Branche und veränderte die indische Kunstlandschaft, die vorher nur einem exklusiven Elitepublikum zugänglich war. Das erachte ich als die grösste Errungenschaft der Messe. 

"Wir haben die Verantwortung, Kunsterziehung und berufliche Weiterbildung zu fördern"

Jagdip: Ein Schwerpunkt wird für mich in den kommenden Jahren die Zusammenarbeit mit unseren Galerien und Partnern sein. Gemeinsam werden wir dafür sorgen, dass die India Art Fair der Ort ist, an dem man regionale Künstler sehen und entdecken kann. Im kulturellen Sektor stehen uns hier einzigartiges Wissen und grossartige Netzwerke zur Verfügung; für unsere zukünftigen Programme möchte ich diese so gut wie möglich nutzen. 

Ich möchte, dass die India Art Fair für die nationalen und internationalen Besucher ein wahrhaft einzigartiges Kulturerlebnis ist und sich von allen anderen Messen der Welt unterscheidet. Ich wünsche mir, dass das Publikum nach einem Besuch unserer Messe – oder nach einem Aufenthalt in Neu-Delhi in der Woche der India Art Fair – Indiens blühende Kulturszene und den historischen Dialog zwischen Indien und seinen Nachbarstaaten in Südasien (und zwischen Europa und dem mittleren Osten) besser versteht und Indiens hypermoderner Identität vielleicht sogar grösseren Respekt entgegenbringt.  Für unsere regionalen Sammler werden wir Programme lancieren, die ihnen einen besseren Zugang zum hiesigen Markt gewähren und neue Chancen aufzeigen, damit in Indien und Südasien eine echte Sammlertradition entsteht.  

Wenn wir in die Zukunft blicken und überlegen, wie sich das Messeprogramm entwickeln könnte und welches unsere Ziele für die Zeit nach 2018 sind, so ist klar, dass die India Art Fair immer ihre starke Ausrichtung auf und ihre Verbindung mit Indien beibehalten wird. Wir werden weiterhin ausgesuchte Highlights der Region, d. h. Galerien, Künstler und Künstlerkollektive, präsentieren. Die Teilnahme von internationalen Galerien werden wir stets sorgfältig abwägen. Wir werden internationale Galerien dazu ermutigen, die Arbeiten von Künstlern auszustellen, die bisher noch nie oder kaum in Indien gezeigt wurden. Als einer der grössten Mitstreiter in der kommerziellen Kunstszene haben wir die Verantwortung, Kunsterziehung und berufliche Weiterbildung zu fördern. In dieser Hinsicht möchte ich unser Programm das ganze Jahr über, nicht nur während der Messe, erweitern. 

India Art Fair 2018, Informationen und Tickets: www.indiaartfair.in

Jagdip Jagpal

Jagdip Jagpal verfügt über zwei Jahrzehnte Erfahrung in der internationalen Kunstszene und in damit verwandten Branchen. Sie war in kommerzielle und öffentliche Projekte im Vereinigten Königreich, in China und Südasien involviert. In der jüngeren Vergangenheit arbeitete sie an New North and South mit, einem Projekt unter der Leitung von Maria Balshaw, der ehemaligen Leiterin der Whitworth-Galerie in Manchester und neuen Leiterin der Tate Modern. Davor leitete Jagpal internationale Partnerschaften und Programme an der Tate. Sie ist ehemalige Kuratorin der Wallace-Sammlung und stand der London School of Economics vor. Daneben war sie Mitglied des Entwicklungsausschusses am Royal College of Art.

Neha Kirpal

Neha Kirpal gründete 2008 die India Art Fair als India Art Summit. Nachdem sie die Messe zehn Jahre lang geleitet hatte, verabschiedetet sie sich aus dem operativen Geschäft und nahm eine verstärkt beratende Position ein. Sie gehört weiterhin zum Vorstand der Messe. In Zukunft wird Neha mit MCH Global an der Entwicklung von Plattformen und Initiativen arbeiten und dabei als Beraterin fungieren. Privat wird sie weiterhin neuartige und innovative Projekte verfolgen. Im Moment arbeitet sie an der Idee, einen unabhängigen Inkubatoren-Fonds für die Kreativbranche aufzubauen, der indischen Start-ups in dieser Branche Betreuung und finanzielle Unterstützung bietet und damit Potenzial und aufkeimende Geschäftsideen voranbringt.

 
Bildergalerie India Art Fair 2017 (© Andy Barnham):
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India Art Fair 2017 (MCH Group)
Christoph Spangenberg

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