Weitblick – Vom Messebau zum nächsten Einsatz
Holz, Teppiche, Pflanzen, Papier oder Möbel werden meist für einen klar definierten Zweck eingesetzt. Doch was passiert, wenn dieser erfüllt ist? Projekte aus der MCH Group zeigen, dass das Ende einer ursprünglichen Nutzung nicht zwangsläufig das Ende des Materials bedeutet. Entscheidend ist oft ein anderer Gedanke: Ein Material, das im ursprünglichen Kontext nicht mehr benötigt wird, kann für jemanden anderen weiterhin einen konkreten Nutzen haben.
Nach einer Messe oder einer Installation beginnt der Abbau. Damit verändert sich der Blick auf vieles, was wenige Stunden zuvor noch Teil eines Messestands, eines Kunstwerks oder eines Raums war. Bauteile werden demontiert, Teppiche entfernt, Pflanzen abtransportiert. Manche Materialien können erneut für denselben Zweck eingesetzt werden. Andere nicht.
Materialweitergabe ist dabei nicht der erste Schritt. Die Veranstaltungen der MCH Group verwenden in Zusammenarbeit mit unseren Live Marketing Solutions Teams bereits einen grossen Teil der strukturellen Messebauteile innerhalb eigener oder partnerbasierter Reuse-Systeme weiter. Für externe Projekte steht deshalb nur zur Verfügung, was aus diesen bestehenden Kreisläufen herausfällt beziehungsweise darin nicht weiter eingesetzt werden kann. Dieser Ansatz passt zum Handlungsfeld «Rethink» des strategischen Nachhaltigkeits-Frameworks DARE, in dem die MCH Group unter anderem Materialeffizienz und wiederverwendbare Prozesse adressiert.
Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr nur: Was machen wir mit diesem Material? Sondern: Für wen könnte es noch wertvoll sein?
Aus einer Weitergabe wird eine Partnerschaft
Wie viel aus dieser Frage entstehen kann, zeigt die Zusammenarbeit mit Atelier Pulfer + Aeberhard.
Sie begann 2025 mit Materialien aus dem Messebau der Art Basel. Da ein erheblicher Teil der eingesetzten grösseren Bauteile bereits intern wiederverwendet wurde, kamen für das Projekt gezielt Tischlerplatten infrage, die aus diesen internen Reuse-Kreisläufen frei wurden. Das Architekturbüro verwendete sie für die Konstruktion eines temporären Pavillons auf der Höhematte in Interlaken. Mit Unterstützung des Kunsthaus Interlaken entstand dort ein Raum für die Ausstellung Glass is a Mixture.
2026 wurde diese Zusammenarbeit fortgeführt. Wieder geht es darum, Materialien aus dem Messekontext für ein neues Projekt zur Verfügung zu stellen und damit ihre Nutzungsdauer zu verlängern. Dieses Mal wurde bereits früh gemeinsam mit expomobilia geklärt, welche Bauteile beim Abbau gezielt separiert werden sollten. Die dokumentierte Auswahl umfasst 79 Holzbalken, rund 70 Holzplatten und -balken, neun grosse Gewebebahnen sowie rund 180 Kilogramm verbliebene Farbe in 15 geöffneten Gebinden.
Entscheidend bei diesem Projekt ist auch die Kontinuität: Aus einer ersten Weitergabe ist eine erneute Zusammenarbeit entstanden. Und mit ihr verändert sich auch der Prozess. Wenn schon vor dem Abbau bekannt ist, welche Materialien weitergegeben werden sollen, können sie systematisch identifiziert, getrennt und für die Übergabe bereitgestellt werden.
Materialweitergabe wird damit weniger zu einer spontanen Lösung am Ende eines Projekts und stärker zu etwas, das sich frühzeitig mitdenken lässt.
Wenn die Frage aus der Kunstwelt selbst kommt
Materialien und der Wert, der ihnen zugeschrieben wird, spielen seit Langem eine Rolle in Diskussionen innerhalb der Kunstwelt. Dieses Thema spiegelte sich auch in der naturinspirierten Holzinstallation von Art Basels Host Partner Ruinart wider, die der japanische Künstler Tadashi Kawamata im Rahmen der Künstlerresidenz Conversations with Nature geschaffen hat.
Nach der Ausstellung äusserte Kawamata den Wunsch, eine Möglichkeit zur Wiederverwendung des Fichtenholzes aus der Installation zu finden. Das Art Basel Team kontaktierte daraufhin OFFCUT und organisierte die Übergabe. Insgesamt übernahm das Material-Reuse-Center 1’020 Kilogramm Fichtenholz, das nun für neue Projekte zur Verfügung steht.
Ähnlich entstand eine Weitergabe an den Künstler Vincent Julmy. Er fragte gezielt nach Materialien, die nach der Art Basel nicht mehr benötigt würden. Das Art Basel Team und Kollegen der expomobilia koordinierten daraufhin die Übergabe von rund 20 Podesten sowie Teppich- und Deckennetzmaterial.
Solche Beispiele zeigen die Rolle von Partnerschaften: Nicht jedes Material braucht innerhalb derselben Organisation eine nächste Anwendung. Manchmal liegt diese ausserhalb bei Künstler:innen, Ateliers, kulturellen Institutionen oder spezialisierten Reuse-Partnern.
Mehrere hundert Pflanzen und viele mögliche nächste Orte
Dass sich dieser Ansatz nicht auf Holz, Bauteile oder Teppiche beschränkt, zeigte Green Screen von Hito Steyerl bei Zero 10 an der Art Basel in Basel 2026. Die von Esther Schipper und Andrew Kreps Gallery präsentierte Arbeit integrierte mehrere hundert lebende Pflanzen.
Mit dem Ende der Installation endete auch die ursprüngliche Funktion der Pflanzen innerhalb des Kunstwerks. Die Galerie und die Künstlerin wollten jedoch sicherstellen, dass die Pflanzen andernorts eine neue Verwendung finden. Mitarbeitende der MCH Group erhielten deshalb die Möglichkeit, Pflanzen mit nach Hause zu nehmen, während die verbleibenden Pflanzen von Pflanzebroggi Basel übernommen wurden, die gebrauchte Pflanzen an neue Besitzerinnen und Besitzer weitervermittelt.
Dabei verändert sich nicht nur der Ort, sondern der gesamte Kontext: Was zuvor Teil einer Kunstinstallation war, kann zu einer Pflanze in einem Büro oder einem Zuhause werden und in einem neuen, alltäglichen Umfeld weiterhin von Wert sein.
Vom Messekontext in einen neuen lokalen Raum
Eine nächste Nutzung kann auch sehr nah am ursprünglichen Einsatzort liegen.
Ehemalige Möbel der Art Basel und Elemente eines früheren Baselworld-Pavillons wurden an die YOKO Sunset Beach Bar & Eventlocation weitergegeben. Dort, in Allschwil, werden sie in einem neuen Veranstaltungsumfeld weitergenutzt und werten das Areal für die anwohnende Gemeinschaft auf.
Und manchmal liegt die nächste Nutzung weiter vom ursprünglichen Zweck entfernt. Überschüssige Eventteppiche der Art Basel Qatar in Doha gingen an ein Tierheim, wo sie als weiche Boden- und Ruheflächen für Hunde eingesetzt werden. Veraltete Briefbögen und Schreibblöcke wiederum waren für ihren ursprünglichen Bürogebrauch nicht mehr geeignet, das Papier selbst jedoch weiterhin nutzbar: 32’500 Briefbögen und 880 Schreibblöcke wurden deshalb an das Kindertraumhüsli in Basel weitergegeben.
Gerade diese kleineren Beispiele zeigen, wie unterschiedlich eine sinnvolle nächste Verwendung aussehen kann. Sie muss dem ursprünglichen Zweck nicht ähneln.
Eine einfache Übergabe braucht vor allem Klarheit
Nicht jedes Material kann weitergegeben werden, und Weitergabe ist nicht in jedem Fall die geeignete Lösung. Die dokumentierten Projekte zeigen aber einige wiederkehrende Voraussetzungen: frühzeitig wissen, was nicht mehr benötigt wird; Zuständigkeiten klären; einen Empfänger finden; und die Übergabe möglichst effizient organisieren.
Bei den beschriebenen Projekten war dafür kein zusätzliches Projektbudget notwendig. Der Aufwand lag vor allem in der Abstimmung und Organisation der Übergaben. Gleichzeitig konnten Materialien aus der Entsorgung herausgehalten und damit verbundene Entsorgungskosten reduziert werden.
Das klingt unspektakulär – und genau darin liegt ein Teil des Werts. Materialweitergabe muss nicht aus einer grossen Einzelinitiative entstehen. Sie kann dort beginnen, wo Teams, Kunstschaffende und Partner früh genug erkennen, dass etwas für den eigenen Zweck nicht mehr gebraucht wird, für einen anderen aber noch relevant sein könnte.
Denn der ursprüngliche Nutzen eines Materials hat zwar ein Ende. Sein Wert muss es nicht haben.